www.koelnerorientierungslauf.de
Home
Was ist OL?
Wer sind wir?
Training
Termine
OL-Gebiete in Köln
Ergebnisse, Berichte
2017
2018
2019
Bobbejaanland
ASOM 2019
versch. Sommer-OLs
Gehörlosen-WM
Belg. MS Langdistanz
Fotos
Kontakt
Links

Wunder von Olmütz

4th World Deaf 2019 Orienteering Championship Olomouc

- ein Bericht von Michael Margolin -

 

Das Abenteuer namens „Olmütz“ begann im Herbst 2018 während der DM in Hofheim. Ich wurde von Sergej Roskop, dem 30-jährigen ehemaligen Kaderathleten der ukrainischen Nationalmannschaft, angesprochen. Auf seine direkte Art bot er mir an, an der WM für Gehörlose in Tschechien im Jahr 2019 teilzunehmen. Sein Ziel war es, ein 3-Mann-Team für die OL-Staffel zu bilden. So witterte er eine Chance, eine Medaille bei der WM zu gewinnen, wo sonst die russischen und ukrainischen OL-Läufer den kompletten Medaillensatz wegfegen. Bei der Staffel allerdings darf ein Land nur ein Team aufstellen, somit sah Sergej den dritten Platz greifbar und wollte sich diese Chance nicht entgehen lassen. Auf meine berechtigte Frage, ob ich wegen meines Alters und den physischen Konditionen gegen die Welt-Elite standhalten könnte, sagte er, es sei doch egal, wenn ein Opa mitläuft. Hauptsache die Staffel laufen, keinen Fehler machen und zu Gott beten, dass den anderen Teams Fehler unterlaufen. Natürlich sagte er auch ein paar schöne Wörter über meine OL-Fähigkeiten, sodass ich mich in dieses gewagte Abenteuer stürzte.

Der dritte Mann war Thomas Göpfert aus Böblingen, damals ein absoluter Neuling im OL. Jedoch hatte er auch seine Stärke: Er ist ein erfolgreicher Cross-Läufer, der nur bergauf läuft. Er hatte noch ein Jahr Zeit, den OL zu erlernen und das Niveau der Elite zu erreichen. Ich dagegen sollte meine Lauffähigkeiten verbessern, was für mein Alter ziemlich bekloppt klang. Trotzdem trainierte ich das ganze Jahr nach einem selbstgebastelten Plan, und bei dem 3-Tage-OL in Belgien im Juni 2019 konnte ich Laufzeiten zeigen, mit denen ich ganz zufrieden war. Auch die Teilnahme am 24h-OL in Thüringen kam mir sehr gelegen (Danke an die Kölner!).

Leider durften die Läufer über 45 im Einzel nur „open“ laufen, sodass nahezu keine alten OLer ein Interesse an der WM hatten. Für mich hingegen war das sehr passend, ich musste nicht um den Sieg kämpfen, der sowieso wertlos war, sondern konnte zum Spaß laufen und mich mental auf die Staffel vorbereiten.

Der Sprint am ersten Tag war sehr interessant. Wir starteten ganz unten an der Burgmauer, kletterten nach oben und dann zurück nach unten, landeten in einem Biologischen Garten mit mehreren kleinen Gassen und unzähligen Blumenbeeten. Da musste man sehr aufmerksam sein, um nicht disqualifiziert zu werden. Ich lief den Sprint sehr schlecht, vor allem wegen der Aufregung. Naja, aller Anfang ist schwer. Morgen wird es besser.

Der nächste Lauf war eine Langdistanz. Mit 5,7 km Luftlinie und fast 300 Hm sah der Lauf gar nicht so schwierig aus, jedoch war er richtig anstrengend. Sehr steile Hänge und ein schwer belaufbarer Wald führten dazu, dass mehrere Läufer sich Verletzungen zuzogen. Die Posten waren so gut versteckt, dass man ganz leicht im Abstand von einem Meter an einem der Posten vorbeilief, ohne diesen zu sehen. Sergej erklärte mir später, es sei eine WM und die Posten müssten streng nach IOF-Regeln aufgestellt werden. Bei Breitensport-Veranstaltungen werden diese Regeln erheblich gelockert. Wegen doofen Fehlern konnte ich mit meinem Ergebnis kaum zufrieden sein, aber es war doch ein bisschen besser als am Vortag. Und morgen sollte es noch besser werden.

Spannend war an diesem Tag der Lauf von Sergej! Ihm fehlten nur 10 Sekunden, um auf dem Podium zu stehen. Sergej war bei der WM der Einzige, der in der Dominanz der Russen und Ukrainer mitmischen konnte. Die starken OLer aus Schweden, Litauen, Ungarn, Italien und Tschechien konnten in der Rangfolge nur ganz hinten ankommen. Für mich war es auch eine Entdeckung, dass die Elite-Läufer nicht nur an, sondern auch über der Schmerzgrenze laufen können.

Zwei Tage später liefen wir eine Mitteldistanz. Ich hatte den Ruhetag gut genutzt und konnte diesmal konzentriert genug laufen. Das Gelände war nicht so kompliziert wie bei der Langdistanz, die Posten waren nicht ganz so gemein versteckt. Trotzdem bin ich um einen Posten (wie immer) herumgelaufen, meine Zeit war deswegen immer noch nicht gut. Nichtsdestotrotz war ich mit dem Lauf zufrieden, ich gewann etwas Sicherheit zurück. Morgen wird es bestimmt besser.

Am nächsten Tag war die Staffel, eigentlich der wahre Grund meines Abenteuers! Trotz der Faustregel, dass der Stärkste zuerst läuft, haben wir entschieden, Sergej den letzten Lauf zu überlassen. Thomas sollte versuchen, sich gegen die Leader zu behaupten, ich sollte versuchen, durch eine präzise Route minimalen Rückstand zu schaffen, und Sergej sollte sprinten und das ganze "Hauptfeld" (Russen und Ukrainer ausgenommen), überholen.

Thomas erfüllte seine Aufgabe sehr gut, ich startete fast zeitgleich mit einem Italianer. Das Gelände war, wie schon bei der Mitteldistanz, nicht kompliziert, die Posten waren zwar gut versteckt, diese zu finden war jedoch kein schwerer Job. Bis zum 20. Posten lief ich ohne große Fehler, sodass ich den gemeinsamen Posten mit dem stärkeren Elite-Italianer gleichzeitig anlief. Leider stolperte ich kurz vor dem 20. Posten bei einem schnellen Bergablauf und bekam einen heftigen Schlag gegen den Kopf. Danach konnte ich mich nicht mehr konzentrieren und verlor viel Zeit auf den letzten vier Posten. Im Ziel dachte ich schon, das Podium sei futsch, bis ich erfuhr, dass die Russen und Ungaren disqualifiziert worden seien. Die Ukrainer und die Tschechen waren zwar nicht mehr einzuholen, der Rest war jedoch noch zu schaffen. Und Sergej schaffte es - unser verrückter Plan ging auf!!! Die Schweden waren zwei Minuten langsamer, die Italianer – elf. Unserer Euphorie kannte keine Grenzen. Mit dem dritten Platz schafften wir eine Sensation schon bei der ersten Teilnahme Deutschlands an der WM!

Die OLer gratulierten uns, dabei fragten mich alle: „Wie alt bist du?“ „54“ „Wow!“

Von wegen Opa!

Mit Dank an Sergej und Thomas.

 

Homepage zur Gehörlosen-WM 2019

 

v.l.n.r.: Thomas, Sergej, Michael